Artikel zur Hannovermesse 2013 für Ingenieure

Artikel der Ke Next

07-08 / 2013  149
KONSTRUKTEUR & ARBEITSPLATZ •

Auch der Auftritt zählt

Farb- und Stilberatung für Konstrukteure und Ingenieure

Während der letzten Hannover Messe haben wir von ke NEXT nicht schlecht gestaunt:
In Halle 6 bot die Bundesagentur für Arbeit kostenlos eine Farb- und Stilberatung
für Konstrukteure und Ingenieure an. Wir wollten wissen, was das bringt und
haben den Selbstversuch gewagt: Redakteur Joachim Vogl hat sich geopfert.
 
Hand aufs Herz: Für ihre modische Extravaganz sind
Ingenieure und Konstrukteure nicht bekannt. Das
fängt schon in der Uni an: Wer sich an den Instituten
umsieht, findet – anders als bei Juristen und BWLern
– keine Business-Hemden mit farblich abgestimmtem
Halstuch zur schicken Hose und edlen Tretern, sondern
den Bequem-Look. Also Jeans, gerne auch mal mit
altersbedingten Löchern, T-Shirts, Birkenstocklatschen und was der
Fundus im Kleiderschrank sonst noch so hergibt. Entscheidend sind
schließlich Fachwissen und Verstand. Und auch im naturwissenschalichen
Berufsleben zählen harte Fakten – sollte man meinen.
 
Die Anzugfarbe bestimmt den Verkaufserfolg
„Wussten Sie, meine Herren, dass die Farbe schwarz Vertriebsingenieure
gierig aussehen lässt?“, fragt die in der Nähe von Nürnberg ansässige
Farb-, Stil- und Imageberaterin Renate Sperber, die während der
Hannover Messe als Business-Coach für die Arbeitsagentur auftritt,
ihre Zuhörer, die sich um den Stand in Halle 6 gruppieren. Diese
Wirkung demonstriert sie an einem dunkelhaarigen Zuschauer, dem
sie ein großes schwarzes Tuch um die Schultern legt, sodass es seinen
Anzug bedeckt. Danach wählt sie ein nachtblaues Tuch und drapiert
es dem Freiwilligen um. „Bitte schauen Sie einmal: Obwohl man
kaum einen Unterschied zwischen den Farben erkennen kann, ist
die Wirkung anders als bei dem harten Schwarz. Das Dunkelblau
wirkt weicher und es unterstreicht seine Kompetenz.“ Die Zuschauer
nicken verblüfft. Die Wirkung von Farben auf das Gegenüber bestätigt
auch Sonja Kazma, Pressesprecherin der Arbeitsagentur-Regionaldirektion
Niedersachsen-Bremen: „Wenn man zu einem
Bewerbungsgespräch geht, dann gibt es nie eine zweite Chance für
den ersten Eindruck. Alleine, wenn man auf die Farben achtet: Ein
Mensch wirkt mit seiner Gesichtsfarbe anders, je nachdem, was er
anhat. Es kann sein, dass selbst das Gegenüber gar nicht sagen könnte,
woran es liegt. Aber wenn der Bewerber so blass aussieht als wäre
er krank oder als würde er nie aus dem Haus gehen, dann macht das
einen anderen Eindruck als wenn er Farben trägt, die zu seinem Typ
passen.“ Von der psychologischen Wirkung auf ihr Gegenüber wissen
viele Berufstätige aber gar nichts. „Ganz oft wird beim Einkaufen
so entschieden, dass gesagt wird: Jetzt nehme ich einmal dieses
Hemd und schaue dann, welche Krawatte dazu passt“, hat Sperber
festgestellt. „Aber das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Denn
Hemd und Krawatte müssen ja zum Menschen passen und nicht
nur die Krawatte zum Hemd.“ Damit der Eindruck stimmt, ordnen
Farbberater wie Renate Sperber ihre Klienten den vier Jahreszeiten
zu. Je nachdem zu welchem Typ man gehört, stehen einem – so die
Theorie – bestimmte Farben besonders gut. Sie lassen das Gesicht
dynamisch und gesund wirken. Andere Farben wiederum machen
einen blass und müde. Wir von keNEXT wollten wissen, ob das
stimmt. Redakteur Joachim Vogl entspricht so ziemlich genau dem typischen
Mitteleuropäer, wie auch Sperber feststellt: „Die Haarfarbe ist eher ein
Aschblond, also so ein Dunkelblond. Im Bart, was bei vielen Männern
vorkommt, ist ein bisschen Rot mit drin. Die Augen sind blau, blaugrau
mit etwas grün.“
Schwarz-Weiß kann viel zu hart wirken
Zu der testweisen Farb- und Stilberatung trägt er einen sehr dunkelbraunen
Anzug mit schwarzen Schuhen, ein weißes Hemd mit kleinem
Karo und eine gelbe Krawatte. Den Redaktionskollegen gefällt
seine Aufmachung. Aber ob sie vor Renate Sperber bestehen kann?
Zunächst legt sie ihm ein großes, weißes Tuch über Brust und Schultern.
Auf dieses bettet sie dann verschiedenfarbige Tücher, sortiert
nach den Farbtypen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Auf diese
Weise kann sie auch sehen, ob Vogl der Schwarz-Weiß-Kontrast steht.
„Das steht Ihnen nicht, es ist viel zu hart“, konstatiert sie kurz und
bündig. Dabei gehört Schwarz-Weiß doch zu den im Berufsleben gerne
getragenen Kombinationen. Was also macht bitte ein solcher Ingenieur,
dann bei hochoffiziellen Anlässen? „Es gibt einfach ein paar
ganz klassische Anzugsfarben, die auch jedem stehen“, beruhigt Sperber.
„Nur welches Hemd, welche Krawatte Sie dazu kombinieren, ist
ausschlaggebend, wie es im Ende wirkt. Für einen rötlichen Typen
beispielsweise wäre auf jeden Fall als Anzugfarbe ein Nachtblau
gut. Oder ein mokkafarbiger Anzug, der ist dann allerdings nicht
mehr hochoffiziell, sondern halboffiziell. Und was auch geht, ist Anthrazit.“
Als warmer Farbtyp, sprich als Frühlings- oder Herbsttyp, sollte
man dazu kein Hemd in rein weißer Farbe wählen, sondern ein
Cremeweiß oder ein hellblaues Hemd. Dazu passt laut Sperber beispielsweise
eine blaue Krawatte mit einem warmen Streifen.
Doch so weit ist sie mit Joachim Vogl noch nicht. Als sie ihm
die Tuch-Palette mit den Frühlingsfarben, also Gelb, Orange, Grün
auflegt, müssen die Zuschauer unwillkürlich lachen. Renate Sperber
winkt sofort ab. Dabei geht es ihr gar nicht darum, einem
männlichen Ingenieur im Fall der Fälle zu Hose und Hemd in
leuchtenden Frühlingsfarben zu raten, sondern sie möchte die
Wirkung sehen, um im Anschluss beraten zu können, wie derjenige
seinen Farbtyp im Berufsleben dezent und seriös umsetzen
kann. Dann legt sie Vogl die Herbstpalette auf, also die gedeckten
Braun- und Grüntöne. „Ich finde, dass die Herbstfarben Sie eher
ein bisschen müder und auch älter machen.“ Tatsächlich: Der ehemalige
Leistungssportler Vogl wirkt um mindestens zehn Jahre
gealtert und so gemächlich, als müsse er gerade einen riesigen
Schweinsbraten mit Knödeln und zwei Maß Bier verdauen. Dabei
fiel das Messe-Mittagessen eher kläglich aus und der Redakteur ist
gerade dabei, munter sein Zehn-Kilometer-Messe-Tagespensum
abzulaufen. Auch die Winter-Farbpalette mit ihren kühlen, kräftigen
Farben wie Pink, Lila und Rot wirkt an Vogl nicht.
Der Schnitt ist spielentscheidend
Von den Sommerfarben, also den kühlen und nicht zu knalligen
Blau-, Grau- und Grüntönen, sind die Zuschauer der Farbberatung
spontan angetan und im Gegensatz zu vorher leuchtet Vogls Augenfarbe
jetzt richtig. „Sie sind ein Sommertyp, ein kühler Farbtyp“, fasst
Renate Sperber zusammen „Was Sie anhaben, gucken wir uns jetzt
mal an.“ Sein Anzug findet bei ihr Anklang – die gelbliche Krawatte
nicht. „Die Krawatte ist in der warmen Farbpalette. Ihre Farben sind aber
eher auf der kühlen Seite. Das heißt, wenn ich Sie angucke,
lenkt die Krawatte vom Gesicht ab“, meint die Farbberaterin. Eine
Test-Krawatte in Blau hingegen lässt Vogl für alle Beteiligten ersichtlich
frisch wirken. „Ich finde auch, Sie brauchen ein bisschen was
peppiges. Blau ist natürlich genial, weil es Ihre Augen unterstreicht.
Rosa würde auch gehen, allerdings mögen es viele Männer nicht“, so
Sperber. So weit, so gut. Doch nicht nur die richtigen Farben zählen
für den kompetenten Auftritt, sondern auch Schnitt und Form.
Und da wären wir bei einem praktischen Problem: Weil die Mode
von der Stange auf Durchschnittsmenschen konfektioniert ist, haben
alle das Nachsehen, deren Figur dem nicht entspricht. Dass
sich beispielsweise kleinere Männer mit dem Anzugkauf oft schwer
tun, weiß auch Renate Sperber. „Wenn man dann zu breite Schulterpolster
hat, der Anzug nicht passt, und man nur mal die Ärmel
kürzt, dann wirkt es sehr gedrungen, weil man dann ja viel breiter
wird und dadurch wirkt es kastig.“ Das bedeute, das gerade bei
kleineren Männern der Schnitt wahnsinnig wichtig sei. Die Expertin
rät deshalb zu schmaleren Schulterpolstern und einer Taillierung,
wenn dies die Figur zulasse. Auch ein Anzug wirke wegen
seiner durchgängigen Farbe viel streckender als eine Kombination
mit ihren zwei Farbblöcken aus hellerem Jackett und dunklerer
Hose. Bei Joachim Vogl passt der Schnitt: Die Schultern sind nicht
zu breit, die Ärmel bedecken gerade eben das Handgelenk, sodass
das Hemd noch einen Zentimeter daraus hervorschaut, die Hosenbeine
bilden einen Knick auf dem Schuh. Jetzt runzelt Renate Sperber
allerdings die Stirn: „Mit einem schmalen Schuh würde der Anzug
viel besser wirken.“ Denn nach ihrer Expertise sind schmale
Schuhe für kleinere Menschen extrem wichtig. „Ein Schuh, der nach
vorne etwas schmaler zuläuft , der streckt das ganze Bein und die
ganze Figur. Wenn man einen runden Schuh trägt oder einen eckigen,
dann hat der immer eine eher drückende Wirkung. Das macht
ganz viel aus.“
Am Ende hat Joachim Vogl die Beratung, für die er sonst 160 bis
230 Euro bezahlt hätte, auf jeden Fall etwas gebracht: die Sicherheit,
grundsätzlich den richtigen Stil gefunden zu haben. Nur von der gelben
Krawatte wird er sich wohl in Zukunft verabschieden. ■
 
Autor Angela Unger, Redaktion
 
Das denkt der Redakteur:
Kein hoffnungsloser Fall
Zugegeben: Meine Begeisterung für eine Farb- und
Stilberatung hielt sich in Grenzen. Die Tatsache, dass
sich ein Kollege aus der Anzeigenabteilung ebenfalls
in Hannover beraten lassen wollte, dann aber zum
vereinbarten Treffen nicht erschienen ist, steigerte
meine Begeisterung nicht wirklich. Aber unsere Kollegin
Unger hatte mit mir ein zuverlässiges Opfer. Dass
farb- und stiltechnisch nicht alles zu jedem passt, war
mir zwar klar, aber was zu wem und warum passt, ist
individuell zu klären. Dementsprechend befand ich
mich Minuten später auf dem Prüfstand der Beraterin.
Nach unzähligen Farbmustern, die mir die Expertin
auf die Schultern gelegt hatte, stand fest, dass ich ein
Sommertyp bin, der bei einem Bewerbungsgespräch
eher hellere Farben tragen sollte. Toll wäre, wenn ich
anstatt der gelben eine blaue Krawatte umbinden
würde, da diese die blauen Augen unterstreicht. Aber
die Beraterin versicherte mir, dass ich kein hoffnungsloser
Fall bin. Letztlich hat die Beratung auch nicht
weh getan – im Gegenteil: Frauen wissen manchmal
einfach besser, was für uns Männer gut ist.
Farbmuster: Nach der Farbberatung bekommt der Kunde von
Renate Sperber (www.renate-sperber.de) ein kleines Mäppchen
mit Tüchern in seinen Farben mit. Die Farbberatung kostet bei
ihr 160 Euro, Farb- und Stilberatung 230 Euro.

Vier Fragen an Renate Sperber, Farb-, Stil- und Imageberaterin aus Leinburg bei Nürnberg
Frau Sperber, was sind in der Praxis die größten Fehler, die die
Ingenieure machen?
Viele tragen selten Anzug, stelle ich immer wieder fest, und wenn,
dann oft einen Anzug, der schon total aus der Mode ist. Der einfach zu
breite Schultern hat, der gar nicht sitzt, weil man nicht so großen Wert
drauf legt und sich halt mal schnell einen Anzug kauft, damit man einen
Anzug hat. Aber die Passform ist wirklich wichtig. Ich finde es sogar
besser, man trägt dann keinen Anzug als wenn der Anzug nicht sitzt.
Das heißt, wessen Bewerbungsgespräch schon länger her ist,
der geht am besten zu einem guten Herrenausstatter?
Ja, aber man muss sich vorher trotzdem schlau machen. Ich bin immer
wieder enttäuscht, wie Herren mit Anzügen vom Herrenausstatter
kommen, die nicht gut sitzen. Wichtig ist, dass die Ärmel nicht zu
lang sind und gerade das Handgelenk bedecken und dass das Hemd
noch einen Zentimeter hervorschaut, dass die Schultern nicht zu breit
sind, dass die Hose nicht zu lang ist – sie liegt auf dem Schuh auf und
bildet einen Knick. Und bitte ein gutes Material wählen. Also da nicht
sparen und keine Polyester- oder billige Stoffe kaufen, sondern mindestens
einen Schurwollanteil sollte der Stoff enthalten.
Wie teuer kommt dann so ein Anzug?
Man bekommt sogar schon ab 150 Euro einen guten Anzug. Wenn
man die Figur für Anzüge von der Stange hat, dann gibt es durchaus
auch mal Schnäppchen. Aber ab 150 Euro geht es eigentlich erst los.
Es gibt aber auch, was ich toll finde, Maß-Konfektion – nicht zu verwechseln
mit Maß-Schneiderei. Bei der Maß-Konfektion wird die fertige
Standardgröße auf den Mann zugeschnitten – mit kürzeren Ärmeln,
die Hose passt dann, die Taillierung ist perfekt. Da geht es dann
ab 300 Euro los, aber das ist dann ein Anzug, der wirklich top sitzt.
Und wie lange kann man den Anzug dann tragen?
Ich garantiere höchstens drei Jahre, weil sich die Mode doch mal
verändert. Zwar nicht so gravierend, drei Jahre sieht man mit Sicherheit
top drin aus, aber ab dem fünften kann es durchaus sein, dass
es doch ein bisschen überholt ist.
 
Stil-Tipps für den Alltag
Mit Stil überzeugen
■ Mit Aktualität punkten: Ein Anzug sollte nicht viel älter als drei Jahre
sein und eine gute Stoff - und Schnittqualität besitzen. Der Abituranzug
ist für das Bewerbungsgspräch von Hochschulabsolventen tabu.
■ Farbe bekennen: Nachtblau, Anthrazit (für hochoffizielle Anlässe)
und Mokka (für halboffizielle Anlässe) stehen als Anzugfarbe jedem.
Dynamik und Souveränität in die eigene Erscheinung bringt man
über die typgerechte Hemd- und Krawattenfarbe.
■ Zum Kleinkarierten stehen: Karos verleihen Ingenieuren und Konstrukteuren
eine praktische Note. Mit einer einfarbigen Krawatte wirkt
das Outfit gepflegt schick. Wer selten Anzug trägt, fühlt sich damit
nicht so overdressed wie mit einem weißen Hemd.
■ Auf die Größe setzen: Bei einer Sakko-Hosen-Kombination sollte die Hose
deutlich dunkler sein als das Sakko. Aber Achtung: Kombinationen
stauchen optisch. Kleine Männer sollten deshalb Ton in Ton und Schuhe
tragen, die nach vorne etwas schmaler werden.
■ Bella Figura im Alltag: Der Kragen von Hemd oder Polo-Shirt gibt
dem Körper Form. Das wirkt überzeugender als ein T-Shirt, zu dem
besser nur Männer mit trainierten Oberkörpermuskeln greifen.
■ Adé Schalterbeamtenlook: Eleganter als kurzärmelige Hemden wirken
lange, umgekrempelte Ärmel. Ein über die Schultern geschwungener
einfarbiger Pullover gibt dem Hemd den lässigen Pfiff .