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Schwitzen für den Erfolg

Warum es den Dresscode gibt und was er ausdrückt. Ein Gespräch von redaktion
23. April 1998  06:23 Uhr 
 
Seit Tagen herrscht schönstes Sommerwetter – genau richtig für Baggersee oder Biergarten. Und Sie müssen ins Büro und stehen jeden Morgen wieder vor der Entscheidung, was Sie anziehen?
Zurzeit sehr aktuell ist das Thema "Dresscode". Besonders in Berufen mit viel Kundenkontakt und ab einer bestimmten Stufe auf der Karriereleiter ist die Business-Kleidung ungeschriebenes Gesetz – egal, ob Sommer oder Winter. Also der klassische Anzug in gedeckten Farben mit langärmeligem Hemd und Krawatte für den Herrn und das dezente Kostüm mit nicht zu kurzem Rock und bestrumpften Beinen für die Dame. Oder vereinfacht: Business-Kleidung schließt alles aus, was unter Freizeitmode fällt.
In einigen Branchen sieht es jedoch gemäßigter aus. Mit dem Boom der Internet-Firmen wurden die Kleidungsvorschriften immer lockerer. Jeans, Shirt und Turnschuhe galten jahrelang als Zeichen von jugendlicher Dynamik und geschäftlichem Erfolg. Teilweise hat sich dieses Outfit auch nach dem Abflauen des Online-Hochs gehalten. Doch gerade in dieser Branche gibt man sich nach der Wirtschaftskrise gern seriös und setzt auf gediegene Kleidung. Denn wo viele Stellen abgebaut werden, zählen die äußere Erscheinung und das Auftreten umso mehr. Wer korrekt gekleidet ist, sagt der Berliner Karriereberater Jürgen Hesse, zeigt, dass er seinen Beruf ernst nimmt.
Doch wie befolgt man den Dresscode und drückt durch seine Kleidung trotzdem individuellen Stil aus? Wie streng sind die Regeln wirklich? Und wie hält man den Dresscode auch bei hohen Temperaturen ein? Wir haben uns bei der Imageberaterin Renate Sperber erkundigt.

ZEIT online: Warum bleibt das Thema "Dresscode" so aktuell? Wissen die deutschen Arbeitnehmer wirklich nicht, wie sie sich anziehen sollen?
Renate Sperber: Ich glaube, es liegt daran, dass der Dresscode wieder sehr viel wichtiger ist als noch vor fünf oder sechs Jahren. Man hat mal versucht, den "Smart Business", also einen legeren Business-Stil einzuführen, aber dann hat man gemerkt, dass die Kundenresonanz sehr ungünstig war, dass die Mitarbeiter unterschätzt wurden, dass das ganze Arbeitsklima viel lässiger, lockerer und oberflächlicher wurde.
Es ist tatsächlich so, dass die Kleidung einen Einfluss auf unser Gefühl hat, wie wir uns bewegen und wie ernsthaft wir sind. Die Kleidung wirkt auf unseren Arbeitsstil ein. Das ist nachgewiesen.

ZEIT online: Warum gibt es einen Dresscode?     
Renate Sperber: Wir denken alle in Schubladen. Es gibt unterschiedliche Dresscodes in Banken, in Boutiquen, in Büros und so weiter, weil der Kunde ganz einfach etwas Bestimmtes von dem Menschen erwartet, mit dem er zu tun hat.
Nehmen wir zum Beispiel die Bank, da möchte ich einen sachlichen, sehr ernsthaften, bodenständigen, überlegten Berater. Hier drücken die Farben blau und grau, schlichte Kleidungsstücke, dezente Farben und Muster Ernsthaftigkeit aus und unterstreichen die Persönlichkeit.
Es gab bei der Sparkasse einen Test, in dem man einen Jugendberater in Jeans und T-Shirt hinter den Schalter gestellt hat. Man dachte, dass die Jugendlichen sich dann wohler fühlen und dass die ganze Atmosphäre gelockert wird. Die Jugendlichen dachten aber, sie seien an einen Auszubildenden geraten und würden weniger beachtet und wertgeschätzt als die anderen Kunden. Daraufhin ist man bei der Sparkasse von diesem Weg wieder abgekommen.
Je offizieller die Tätigkeit ist, beziehungsweise je mehr es um Geldanlagen, Versicherungen, Beratungen geht, also Leistungen, die die Existenz des Kunden betreffen, desto seriöser sollte die Kleidung sein.

ZEIT online: Welche Alternativen gibt es zum Anzug bzw. Kostüm in gedeckten Farben? Kann man sich dem Dresscode gemäß und trotzdem kreativ und individuell kleiden?
Renate Sperber: Auf jeden Fall. Für jeden Menschen gibt es Farben, die ihm gut stehen. Die kann man in die Kleidung integrieren, zum Beispiel mit der Bluse oder mit der Krawatte. Anzüge und Kostüme sollten aber in gedeckten Farben sein. Es ist so, dass die gedeckten Farben seriöser wirken und auch keinen Wiedererkennungseffekt haben. Wenn Sie zum Beispiel dreimal in der Woche mit einem lindgrünen Kostüm ins Büro kommen, denken Kollegen und Kunden, sie haben immer dasselbe an. Gedeckte Farben können Sie durchgehend tragen und durch Accessoires, Tücher, Schuhe, Blusen, das Make-up, die Frisur und so weiter variieren. So bringen Sie auch Ihren eigenen Stil in die Business-Kleidung hinein.

ZEIT online: Welche Möglichkeiten hat ein Mann, Individualität durch die Kleidung auszudrücken?
Renate Sperber: Je nachdem, wo er arbeitet. In der Bank muss er natürlich Krawatten tragen, eine Stoffhose mit Jackett oder einen Anzug. Da kommt der persönliche Stil eigentlich nur durch die Krawattenauswahl, die Farbzusammenstellung, unterschiedliche Hosenformen oder Anzugschnitte zustande. Insgesamt haben die Herren weniger Spielraum und Freiheiten als die Damen.

ZEIT online: Wo wird die Kleiderfrage eher locker gehandhabt?
Renate Sperber: In internen Abteilungen ohne Kundenkontakt zum Beispiel. Man sollte jedoch immer einen bestimmten Rahmen beachten, in dem sich die Kleidung bewegt. Das bedeutet insgesamt ruhige Farben. Der Oberarm bei Damen sollte halb bedeckt sein, Männer sollten immer langärmelige Hemden tragen. Statt Jeans trägt man Stoffhosen. Geschlossene Schuhe. Keine kurzen Röcke und keine zu tiefen Ausschnitte.
Bei großer Hitze darf es natürlich auch etwas legerer sein. "Leger" bedeutet hier, dass die Dame ein ärmelloses Oberteil mit breiten Trägern – keine Spaghettiträger! – wählt und ohne Perlonstrümpfe geht.     

ZEIT online: Gilt die These "Je kreativer der Beruf, desto kreativer die Kleidung"? Wie sieht es zum Beispiel in der Werbebranche aus?
Renate Sperber: Hier kommen wir wieder auf den Punkt zurück, dass man den Erwartungen der Kunden entsprechen sollte. Wenn ich in der Werbung tätig bin, erwartet der Kunde, dass ich kreativ bin, dass ich Ideen habe, dass ich mich auch mal außerhalb des gewohnten Rahmens bewege. Da spielt die Business-Kleidung keine große Rolle. Der Kunde erwartet, dass ich mich außergewöhnlicher kleide.
Ein extravaganter Stil ist durchaus möglich, wobei es da auch wieder die Grenze gibt, dass man sich nicht zu freizügig kleidet, um nicht den Eindruck fehlender Kompetenz zu erwecken.
Der entscheidende Punkt in der Business-Kleidung ist, dass der Arbeitnehmer den Erwartungen des Kunden entspricht. Durch die verschiedenen Arbeitsbereiche gibt es dann eben auch unterschiedliche Dresscodes.

ZEIT online: Gibt es regionale Unterschiede? Gehen die Süddeutschen wegen des längeren, heißeren Sommers eventuell lässiger gekleidet ins Büro als die Norddeutschen?
Renate Sperber: Da gibt es keine Unterschiede. Die Italiener zum Beispiel gehen immer mit Langarmhemd und Anzug ins Büro. Und die haben mit Sicherheit heißere Sommer als wir.

ZEIT online: Was raten Sie Bewerbern und Jobanfängern in Bezug auf die Arbeitskleidung an heißen Tagen?
Renate Sperber: Minimum ist eine gepflegte, gehobene Kleidung, die den Menschen hervorhebt. Also einfarbige Kleidungsstücke, hochwertiges Material, geschlossene Schuhe. Die Schuhe sollten dunkler sein als das restliche Outfit oder mindestens so dunkel wie der dunkelste Punkt. Nicht zuviel Schmuck und keine großen Gürtel, das ist auch sehr wichtig. Personalchefs kümmern sich überhaupt nicht um Mode und könnten denken, dass es sich um einen oberflächlichen Menschen handelt.
Für den Herrn ist statt des Anzugs auch eine Kombination von Stoffhose und Jackett möglich, aber dann in ruhigen Farben. Dazu könnte notfalls ein Kurzarmhemd getragen werden, wobei ich es im Bewerbungsgespräch nicht empfehlen würde, denn Kurzarmhemden sind keine Business-Hemden. Ich rate zu Langarmhemd, Stoffhose mit Gürtel und dunklen, geschlossenen Schuhen.
Gerade im Bewerbungsgespräch kann der Bewerber mit korrekter Kleidung zeigen, dass ihm der Termin so wichtig ist, dass er sich trotz der hohen Temperaturen für Langarmhemd und Anzug entschieden hat.

ZEIT online: Was ist das Äußerste an Lässigkeit, das Sie sich an heißen Tagen im Büro erlauben
Renate Sperber: Eine Bluse ohne Ärmel und auch mal Sandalen ohne Strümpfe.

Das Interview führte Stefanie Jordan